Warum ich ein zwiespältiges Verhältnis zu #undallesoyeaahh habe.
Am vergangenen Freitag gegen Abend demonstrierte die digitale Avantgarde wieder einmal eindrucksvoll, wie sich in vernetzten Strukturen Informationen rasant verbreiten und wie von selbst zu Aktionen (Flashmob) führen, die wiederum ihren Weg in die Blogs, in die Videoplattformen und zum Schluss auch in die klassischen Online- und Broadcast-Medien finden. Wer den Hashtag #undallesoyeaahh wahrgenommen hat, kennt das Thema. (Wer es nicht kennt, bitte mal bei Twitter nachschauen.)
Das alles ist sehr beeindruckend, es zeigt einmal mehr, welche Geschwindigkeit die vernetzte Online-Welt aufnehmen kann und wie sich zwischen der offline-Welt und der online-Welt Verbindungen herstellen lassen. Gerade diese Verbindungen zwischen online und der Welt "da draußen" sind natürlich außerordentlich aufregend: Nicht nur die Geschwindigkeit, in der sich eine Kampagne entwickeln kann, lässt manchen Marketing-Chef grün vor Neid werden: es sind gerade die funktionierenden Übergänge zwischen offline und online, die schon oft als Ziel integrierter Kommunikationskampagnen ausgerufen und doch nur selten realisiert wurden.
Und sonst? Nichts weiter. So großartig das ist, so wenig bringt es substantiell Neues in und für die politische Auseinandersetzung und ihre Inhalte. Ich vermute: Wir sind mittlerweile zu verliebt in die Kommunikationsmechanismen und zu wenig interessiert an den Kommunikationsinhalten.
Das war vor einiger Zeit noch anders. Als Firmen, Medienhäuser und Organisationen noch die Hoheit über die Kommunikationsinhalte hatten, war es an der Zeit, über neue Kommunikationsmechanismen nachzudenken. Dieses Nachdenken hat zu ungeheuren Veränderungen geführt, die wir nun jeden Tag leben und erleben und die viele noch nicht ganz verstanden haben. Wer die Mechanismen aber verstanden hat und nutzt - und das tun ja viele, wie sich an dieser Geschichte zeigt -, könnte nun wieder beginnen, sich mit den Inhalten zu befassen und die neuen, funktionierenden Kommunikationsmechanismen endlich für Diskurse, Diskussionen und inhaltliche Arbeit einzusetzen.
"und alle so: yeaahh" (ohne Hashtag) ist als Reaktion auf einem Plakat ein sympathischer, aussagefähiger und in seiner ironischen Zuspitzung auch ein politischer Ausdruck. Er ist eine sehr angemessene Reaktion auf die politischen Aussagen der CDU, die sich mit "Die Kanzlerin kommt" oder "Wir wählen die Kanzlerin" begnügt. Er ist sozusagen Reaktion auf gleichem Niveau und damit entlarvend. Bravo!
"#undallesoyeaahh" (mit Hashtag) ist als Reaktion eine Verselbstständigung des Kommunikationsmechanismus. Er führt zu Aufsehen erregenden Aktionen, die aber gerade und vielleicht ausschließlich auf Grund dieses Mechanismus interessant sind. Mir erschließt sich jedenfalls nicht, welchen Nutzen ein vielstimmiges "Yeaahh" als Reaktion auf die dröge und stoisch durchgezogene Rede der Kanzlerin hat. Im Blick auf die politische Auseinandersetzung verdrängt es die inhaltliche Arbeit durch ein politisches Symbol. Denn wer hat etwas davon, wenn dröge politische Statements mit leeren Zwischenrufen beantwortet werden? Auch das ist Reaktion auf gleichem Niveau, und da kann ich leider nicht "Bravo!" sagen. Die Berichterstattung in den Medien spricht darum von "Störung", "Zwischenrufen" etc., findet das eine Meldung wert - und schweigt natürlich davon, was die Aktion in der politischen Auseinandersetzung bringen soll. Es hat ihnen auch keiner gesagt.
Gerade an diesem Punkt sollte man erwarten, dass die digitale Avantgarde ein Verständnis dafür entwickelt, wie weit sie entfernt ist von oder wie nah sie dran ist an der politischen Willensbildung in Deutschland. Dass sie in der Tat daran mitarbeiten kann, zeigen die Aktionen um die Netzsperren, die aber gerade immer wieder die Inhaltliche Argumentation in den Vordergrund stellten und dazu alle sinnvollen Kommunikationsmechanismen nutzten. Aber wir sollten uns darüber im Klaren sein, dass Aktionen wie "#undallesoyeaahh" den Graben zwischen den Menschen, die das Netz als soziale Einrichtung nutzen, und denen, die das nicht einmal entfernt verstehen, tiefer macht.
Die alternativen Schritte sind nicht einfach, weil die Schnelligkeit der Mechanismen auch die inhaltliche Arbeit "überholt" hat. Das ist ein Problem, das die Akzeptanz von Social Media nachhaltig verhindert. Aber da gibt es eine Menge kluger Köpfe, die die Mechanismen des Netzes verstehen und sie nutzen können. Wir sollten uns wieder auf die Inhalte konzentrieren, sie in den Vordergrund stellen und sie dann mit den Kommunikationsmechanismen, die so unglaublich faszinierend sind, in die Köpfe der Menschen bringen. Das Kommunikationsereignis muss wieder das Faszinierende werden, nicht der Mechanismus.


