Markus Siepmann | Posterous

 
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Warum ich ein zwiespältiges Verhältnis zu #undallesoyeaahh habe.

Am vergangenen Freitag gegen Abend demonstrierte die digitale Avantgarde wieder einmal eindrucksvoll, wie sich in vernetzten Strukturen Informationen rasant verbreiten und wie von selbst zu Aktionen (Flashmob) führen, die wiederum ihren Weg in die Blogs, in die Videoplattformen und zum Schluss auch in die klassischen Online- und Broadcast-Medien finden. Wer den Hashtag #undallesoyeaahh wahrgenommen hat, kennt das Thema. (Wer es nicht kennt, bitte mal bei Twitter nachschauen.)

Das alles ist sehr beeindruckend, es zeigt einmal mehr, welche Geschwindigkeit die vernetzte Online-Welt aufnehmen kann und wie sich zwischen der offline-Welt und der online-Welt Verbindungen herstellen lassen. Gerade diese Verbindungen zwischen online und der Welt "da draußen" sind natürlich außerordentlich aufregend: Nicht nur die Geschwindigkeit, in der sich eine Kampagne entwickeln kann, lässt manchen Marketing-Chef grün vor Neid werden: es sind gerade die funktionierenden Übergänge zwischen offline und online, die schon oft als Ziel integrierter Kommunikationskampagnen ausgerufen und doch nur selten realisiert wurden.

Und sonst? Nichts weiter. So großartig das ist, so wenig bringt es substantiell Neues in und für die politische Auseinandersetzung und ihre Inhalte. Ich vermute: Wir sind mittlerweile zu verliebt in die Kommunikationsmechanismen und zu wenig interessiert an den Kommunikationsinhalten.

Das war vor einiger Zeit noch anders. Als Firmen, Medienhäuser und Organisationen noch die Hoheit über die Kommunikationsinhalte hatten, war es an der Zeit, über neue Kommunikationsmechanismen nachzudenken. Dieses Nachdenken hat zu ungeheuren Veränderungen geführt, die wir nun jeden Tag leben und erleben und die viele noch nicht ganz verstanden haben. Wer die Mechanismen aber verstanden hat und nutzt - und das tun ja viele, wie sich an dieser Geschichte zeigt -, könnte nun wieder beginnen, sich mit den Inhalten zu befassen und die neuen, funktionierenden Kommunikationsmechanismen endlich für Diskurse, Diskussionen und inhaltliche Arbeit einzusetzen.

"und alle so: yeaahh" (ohne Hashtag) ist als Reaktion auf einem Plakat ein sympathischer, aussagefähiger und in seiner ironischen Zuspitzung auch ein politischer Ausdruck. Er ist eine sehr angemessene Reaktion auf die politischen Aussagen der CDU, die sich mit "Die Kanzlerin kommt" oder "Wir wählen die Kanzlerin" begnügt. Er ist sozusagen Reaktion auf gleichem Niveau und damit entlarvend. Bravo!

"#undallesoyeaahh" (mit Hashtag) ist als Reaktion eine Verselbstständigung des Kommunikationsmechanismus. Er führt zu Aufsehen erregenden Aktionen, die aber gerade und vielleicht ausschließlich auf Grund dieses Mechanismus interessant sind. Mir erschließt sich jedenfalls nicht, welchen Nutzen ein vielstimmiges "Yeaahh" als Reaktion auf die dröge und stoisch durchgezogene Rede der Kanzlerin hat. Im Blick auf die politische Auseinandersetzung verdrängt es die inhaltliche Arbeit durch ein politisches Symbol. Denn wer hat etwas davon, wenn dröge politische Statements mit leeren Zwischenrufen beantwortet werden? Auch das ist Reaktion auf gleichem Niveau, und da kann ich leider nicht "Bravo!" sagen. Die Berichterstattung in den Medien spricht darum von "Störung", "Zwischenrufen" etc., findet das eine Meldung wert - und schweigt natürlich davon, was die Aktion in der politischen Auseinandersetzung bringen soll. Es hat ihnen auch keiner gesagt.

Gerade an diesem Punkt sollte man erwarten, dass die digitale Avantgarde ein Verständnis dafür entwickelt, wie weit sie entfernt ist von oder wie nah sie dran ist an der politischen Willensbildung in Deutschland. Dass sie in der Tat daran mitarbeiten kann, zeigen die Aktionen um die Netzsperren, die aber gerade immer wieder die Inhaltliche Argumentation in den Vordergrund stellten und dazu alle sinnvollen Kommunikationsmechanismen nutzten. Aber wir sollten uns darüber im Klaren sein, dass Aktionen wie "#undallesoyeaahh" den Graben zwischen den Menschen, die das Netz als soziale Einrichtung nutzen, und denen, die das nicht einmal entfernt verstehen, tiefer macht.

Die alternativen Schritte sind nicht einfach, weil die Schnelligkeit der Mechanismen auch die inhaltliche Arbeit "überholt" hat. Das ist ein Problem, das die Akzeptanz von Social Media nachhaltig verhindert. Aber da gibt es eine Menge kluger Köpfe, die die Mechanismen des Netzes verstehen und sie nutzen können. Wir sollten uns wieder auf die Inhalte konzentrieren, sie in den Vordergrund stellen und sie dann mit den Kommunikationsmechanismen, die so unglaublich faszinierend sind, in die Köpfe der Menschen bringen. Das Kommunikationsereignis muss wieder das Faszinierende werden, nicht der Mechanismus.

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Comments (9)

Sep 20, 2009
Man könnte versucht sein zu sagen "Generation Hashtag". Aber es ist viel profaner. Kognitive Konsonanz von Randgruppen.
Sep 20, 2009
meta_blum said...
Ach ja. Natürlich steht hier die Faszination für den Mechanismus im Vordergrund. Er ist faszinierend zu beoachten, weil er hocheffektiv und dennoch nicht wirklich kontrollierbar ist. Es braucht einen guten Nährboden und einen Funken, aber ob der auch zündet - wonach entscheidet sich das? Natürlich ist #undallesoyeaahh eine ein wenig selbstverliebte Aktion, unverständlich für die, die die Faszination nicht teilen. Aber doch ist es mehr: Wie auch bei Dada und Punk kommt es nicht nur auf den Inhalt an, sondern auf das Stören eines geschlossenen Systems, auf ein Störsignal, das befremdet und subversiven Charakter hat. Und das auch Neues ermöglichen könnte. Man stelle sich nur vor, Frau Merkel hätte am Ende ihrer stoischen Rede gesagt. "Ich habe noch nie soviel Beifall erhalten, und noch dazu von so vielen jungen Leuten..." Ach, aber so cool war sie leider nicht, leider.
Sep 20, 2009
Markus Siepmann said...
@meta_blum Ja, es ist faszinierend, unbestreitbar. Doch das Stören eines geschlossenen Systems funktioniert nicht, so lange das Störsignal keinen Anknüpfungspunkt im Kontext dieses Systems findet. Wenn dieser nur formal ist, bin ich schon zufrieden (Dada, Punk). Denn dann wirkt das Signal. Heute haben wir viel mehr Möglichkeiten über das Formale hinaus! Der Nährboden ist da, und der Funke springt über. Jetzt kommt es darauf an, was man sät.
Sep 20, 2009
Die gute alte Systemtheorie würde hier vermutlich antworten: Nein! Es kann nicht Aufgabe des irritierenden Systems sein, danach zu schauen, was für das irritierte System möglicherweise anschlussfähig ist. Das ist die Aufgabe des irritierten Systems, das schließlich diese Irritationen als wichtigen Ausgangspunkt für Innovationen braucht. Ich sehe #undallesoyeaahh als paradoxe Intervention im klassischen Verständnis der systemtheoretischen Beratung. Die wirklich interessante Frage ist nun: Nimmt das gestörte System diese Störung überhaupt wahr? Nimmt es sie als Störung wahr? Gelingt es ihm, diese Störung irgendwie in die eigenen Abläufe zu integrieren?
Sep 20, 2009
Markus Siepmann said...
@Benedikt Koehler Genau, das ist die entscheidende Frage: Nimmt das gestörte System die Störung überhaupt wahr? Man kann diese Frage aber doch ausgezeichnet beantworten, nämlich mit den Mitteln, die uns heute zur Verfügung stehen. Wir begegnen dem geschlossenen System in Kontexten, die unsere eigenen sind, nämlich in den digitalen Kanälen, die unsere Kommunikationsarenen darstellen. Meine These ist: Es gelingt nicht, diese Störung in die jeweils eigenen Abläufe zu integrieren, solange das irritierende System die Störung nicht als "Befremdliches", sondern als "Systemfernes" erfahrbar macht. Die Systemtheorie weiß, dass das, was als systemfern erfahren wird, nicht den heilsamen Impetus des Befremdlichen entwickeln kann. Darum fände ich es in der Tat besser, in den digitalen Kanälen die inhaltliche Diskussion zu suchen, statt in Hamburg "yeaahh" zu rufen. Dort kann man das System empfindlicher stören: In den Blogs, den YouTube-Kanälen, den Webseiten, den Kampagnen.
Sep 21, 2009
autopoiet said...
Ich bin mir nicht sicher, ob man bei der geschilderten Aktion so rigide zwischen "Inhalten" und "Kommunikationsmechanismen" (mir läge "Information" und "Mitteilung" im übrigen näher) trennen sollte:

Die Information besteht beim #undallesoyeaahh ja gerade in der Markierung ihrer Abwesenheit und insofern als (subversives) Replik auf die ebenso verstandenen Mitteilungen der politischen Akteure. Dass das Verstehen, und damit der dritte Aspekt des kommunikativen Dreischritts, bei keiner Kommunikation (also bei subversiven Flashmobs genauso wenig wie in einer elaborierten Diskussion oder durch politische Flugblätter) gesichert ist, dürfte klar sein. Mich beschleicht vielmehr der Verdacht, dass die "Konzentration auf Inhalte" in Blogs etc. zu keiner nachhaltigen Irritation der (politischen) Kommunikation führt - dafür ist die Landschaft zu weitläufig und der Chor zu heterogen. Konsequenter scheint mir der Einstieg in die systeminterne Kommunikation (vgl. die rezente Diskussion um die Piratenpartei) oder halt, mit Abstrichen, der Eingriff in die theaterartig inszenierten Interaktionssysteme des Wahlkampfes. Damit wird der Selektionshorizont von Information weniger eng definiert - ob die Kommunikation dann anschlussfähig ist, entscheidet das System eh nach internen Maßgaben (Benedikt bringt das oben richtig auf den Punkt). Dabei gilt ohne Zweifel, dass auch das Mißverstehen eine Form des Verstehens ist; und das ist doch schon mal was.

Einen höheren Anspruch sollte man an Interaktionssysteme, und damit auch nicht an #undallesoyeaahh, m.E. auch nicht stellen.

Sep 21, 2009
zlouma said...
guter Beitrag! kann ich nur unterstützen. die Verantwortung würde ich aber etwas breiter verteilen... http://bit.ly/t09uv
Sep 21, 2009
Markus Siepmann said...
@autopoiet Ich glaube, man kann nicht zwischen Inhalten und Kommunikationsmechanismen trennen - wohl aber unterscheiden. Das Attribut des "Mechanismus" habe ich sehr bewusst gewählt, weil es andeutet, dass in Kommunikationsarenen bestimmte Regeln von Aktion und Reaktion greifen. Diese Regeln lassen sich in Social Media - Anwendungen sehr gut beobachten, und die "Mechanismen" sind ein echter Gewinn für Kommunikation im digitalen Kanal.
Natürlich bin ich vollständig einverstanden, den Einstieg in die systeminterne Kommunikation dort zu suchen, wo er sich anbietet, in diesem Fall in der Tat in die "theaterartig inszenierten Interaktionssysteme des Wahlkampfs" (sehr schön formuliert). Es gäbe also für alle, die daran teilnehmen wollen, eine reichhaltige Fülle an Betätigungsfeldern. Dort kann man auch dafür sorgen, dass die übermittelte Botschaft verstanden wird. Daraus kann Einverständnis entstehen oder auch Ablehnung. Missverständnis als eine Form des Verstehens ist mir persönlich eine zu formale Kategorie.
Sep 21, 2009
autopoiet said...
"Dort kann man auch dafür sorgen, dass die übermittelte Botschaft verstanden wird. Daraus kann Einverständnis entstehen oder auch Ablehnung."

Streng genommen kann man nirgendwo und auf keine Weise dafür Sorge tragen, dass eine übermittelte Botschaft verstanden wird; ohne Zweifel man kann nachfragen, ob oder wie - schiebt das Problem der Unsicherheit des Verstehens dabei aber gleichsam vor sich her. Es geht hier aber ja nicht um Spitzfindigkeiten, ich glaube sogar zu verstehen was du meinst... ;-)

Der Punkt, auf den ich hinaus wollte: Der Konflikt, ob elaboriert im Buch- oder Blogform mit ihren je eigenen "Mechanismen" (was immer man genau darunter zu verstehen hat - müsstest du mir bei Zeiten mal anhand von Beispielen erklären) oder in Form von Trotz oder #undallesoyeaahh, ist (!) ein System: Der "Gegner" kann sich nicht mehr verhalten, als ob es den Konflikt nicht gebe. Und wenn er das versucht, wird es ihm als Absicht zugerechnet (das ist übrigens keineswegs rein formales Kategorisieren , sondern empirisch Tag für Tag beobachtbar).

Fußnote: Es sei denn er, der "Gegner", hat besagte Blogs oder Bücher nicht gelesen; und das ist sogar enorm wahrscheinlich, zumindest verglichen mit der Tatsache dass das #yeaahh nicht wahrgenommen worden ist. Nochmal: "Daraus kann Einverständnis entstehen oder auch Ablehnung." Exakt. Das ist der Punkt. Gilt aber für jede Kommunikationsofferte.

Die spannende Frage für mich wäre demnach:
Wenn Konflikte als Immunsystem begriffen werden (meta_blum spricht oben vom "Störsignal ... das auch Neues ermöglichen könnte" und Benedikt von "Irritationen als wichtigen Ausgangspunkt für Innovationen"), als Warnsignal für das soziale System, und auf Ebene des umfassenden Systems Gesellschaft das Recht die Aufgabe übernimmt, durch legitimierte Verfahren Konflikte zu absorbieren, welche Folgen hätte dies für unsere #yeaahh-Situation und das ihr zu Grunde liegende Dilemma? Welche Form von (zu legitimierenden) Verfahren sind zukünftig denkbar? Und: Rückt sich die letzte Frage in die Nähe der von dir geschilderten "Mechanismen"?

Oder entscheidet am Ende doch einfach die Kommunikation darüber, was sie kommuniziert?

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